22.05.2026
Disclaimer: Dieser Artikel ist keine Anlageberatung und stellt keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Ich bin kein zugelassener Finanzberater. Die hier dargestellten Informationen basieren auf öffentlich zugänglichen Quellen und meiner persönlichen Recherche. Aktien- und ETF-Investments unterliegen Kursrisiken bis hin zum Totalverlust. Treffe deine Anlageentscheidungen immer selbst und ziehe bei Bedarf eine qualifizierte Fachperson hinzu. Alle Angaben ohne Gewähr.
Wie ich auf das Thema kam
In den letzten Wochen sind mir auf YouTube und in Finanzforen immer wieder Videos und Beiträge begegnet, in denen scharfe Kritik an der Nasdaq geübt wurde. Der Vorwurf: Der Indexanbieter habe seine Regeln gezielt umgeschrieben, damit SpaceX nach dem geplanten Börsengang am 12. Juni 2026 möglichst schnell in den Nasdaq 100 aufgenommen werden kann. Die Stimmung in den Kommentaren reichte von berechtigter Kritik an einem fragwürdigen Vorgehen bis hin zu blanker Empörung über die Bevorzugung eines einzelnen Unternehmens.
Mich hat das interessiert, denn ich bespare seit Längerem den Vanguard FTSE All-World UCITS ETF (Dist.) mit der WKN A1JX52, in manchen Sparer-Communities liebevoll "der heilige Gral" genannt. Die Frage, die mich umgetrieben hat: Betrifft mich dieser ganze Zirkus eigentlich auch? Sitze ich mit meinem breit gestreuten Welt-ETF gemütlich am Spielfeldrand, oder bekomme ich SpaceX über Umwege doch ins Depot gespült?
Ich habe das deshalb mal sauber recherchiert. Hier ist, was ich herausgefunden habe.
Was die Nasdaq tatsächlich geändert hat
Zuerst zur Faktenlage. Die Nasdaq hat ihre Indexregeln zum 1. Mai 2026 in mehreren Punkten angepasst, und alle Änderungen wirken sich auf den Nasdaq 100 aus, jenen Index, dem unter anderem der bekannte Invesco QQQ ETF folgt. Die offizielle Methodendokumentation findet sich direkt bei Nasdaq Global Indexes (2026 May NDX Changes FAQ).
Erstens: Es gibt eine neue "Fast Entry"-Regel. Neuemissionen, die zu den Top 40 nach Marktkapitalisierung gehören, können nun bereits nach 15 Handelstagen in den Nasdaq 100 aufgenommen werden. Bisher waren mindestens drei bis zwölf Monate üblich.
Zweitens: Die bisherige Mindestanforderung von 10 % frei handelbarem Streubesitz (Free Float) wurde gestrichen. Ohne diese Lockerung wäre SpaceX, das laut Branchenberichten mit einem Free Float von rund 5 % an die Börse gehen wird (CNBC), gar nicht aufnahmefähig gewesen.
Drittens, und das ist der eigentliche Aufreger: Statt eines harten Mindest-Free-Floats greift künftig eine modifizierte Gewichtungsregel. Wertpapiere mit einem Free Float unter 33⅓ % bekommen ihr Gewicht nach folgender Formel: Marktkapitalisierung mal Free-Float-Prozentsatz mal drei (gedeckelt bei 100 %). Wer also mit 10 % Free Float in den Index kommt, wird mit 30 % seiner Marktkapitalisierung gewichtet statt mit den eigentlich nur 10 %, die tatsächlich frei handelbar sind.
Bei einer SpaceX-Bewertung im Bereich von 1,75 bis 2 Billionen USD und einem Free Float von rund 5 % (entspricht etwa 90 bis 100 Milliarden USD an frei handelbaren Aktien) würde die Aktie also ein Indexgewicht erhalten, das dem Dreifachen entspricht, also rund 270 bis 300 Milliarden USD. Der Effekt: Passive ETFs, die den Nasdaq 100 nachbilden, mit einem Anlagevolumen von rund 600 Milliarden Dollar (etfstream.com), müssten SpaceX-Aktien in einer Größenordnung kaufen, die deutlich über dem tatsächlich verfügbaren Streubesitz liegt. Das treibt den Preis und benachteiligt Indexanleger, die diese Aktien zu künstlich hochgehaltenen Kursen erwerben müssen.
Soweit die Nasdaq. Aber: Mein ETF folgt nicht dem Nasdaq 100.
Das Risiko, das mich eigentlich umgetrieben hat
Damit klar wird, worum es mir überhaupt ging: Meine Sorge war nicht die Regeländerung als abstraktes Ärgernis, sondern eine ganz konkrete Kette von Ereignissen, an deren Ende mein Depot Schaden nimmt.
Sie beginnt damit, dass ein Index eine Aktie höher gewichtet, als ihr frei handelbarer Anteil hergibt. Alle passiven Fonds, die diesen Index abbilden, müssen das Papier dann in genau dieser aufgeblähten Menge kaufen. Sie haben keine Wahl, denn stures Nachbilden ist das ganze Prinzip des passiven Investierens. Wenn diese Pflichtkäufe auf einen knappen Streubesitz von nur 5 % treffen, wird der Kurs nach oben gedrückt. Die Fonds kaufen also teuer ein, und zwar nicht weil das Unternehmen so gut ist, sondern weil die Indexmechanik sie dazu zwingt.
Der unangenehme zweite Teil kommt später. Nach einem Börsengang laufen üblicherweise Sperrfristen (Lock-ups) für Altaktionäre und Mitarbeiter. Wenn die auslaufen, drängt plötzlich viel mehr Material auf den Markt. Fällt der Kurs dann von seinem künstlich hochgehaltenen Niveau zurück, sitzen die Indexfonds auf einer Position, die sie teuer aufbauen mussten und die jetzt an Wert verliert. Diesen Verlust trage am Ende ich, zusammen mit allen anderen, die brav den Index besparen.
Genau das war mein Schreckensszenario: SpaceX völlig überrepräsentiert im Index, danach ein Abverkauf nach dem Lock-up, der den ganzen Index nach unten zieht und meinen Sparplan-Erfolg mitreißt. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur "kommt SpaceX in meinen Index", sondern "mit welchem Gewicht, und wie hart schlägt ein SpaceX-Absturz dann auf meinen ETF durch".
Was für meinen ETF gilt
Der A1JX52 bildet den FTSE All-World Index ab, der von FTSE Russell (einer Tochter der London Stock Exchange Group) berechnet wird. Damit gelten für meinen ETF völlig andere Regeln, nämlich die "Ground Rules" der FTSE Global Equity Index Series.
Ich habe mir das aktuelle Regelwerk (Version 14.0, Januar 2026) direkt von FTSE Russell besorgt und nachgelesen (FTSE Russell Ground Rules PDF). Die für mich relevanten Punkte stehen in den Abschnitten 6.2 und 8.1.
Fast Entry nach IPO: Eine neue Aktie kann nach fünf Handelstagen in den FTSE-Index aufgenommen werden, wenn sie bestimmte Marktkapitalisierungs-Schwellen überschreitet (Rule 8.1.3). Das ist tatsächlich noch schneller als bei der Nasdaq.
Mindest-Free-Float: Aktien mit einem Free Float von 5 % oder weniger werden grundsätzlich aus dem Index ausgeschlossen, mit einer Ausnahme: Wenn die "investable market capitalisation" das Zehnfache der regionalen Aufnahmegrenze übersteigt, sind sie trotzdem aufnahmefähig (Rule 6.2 und 8.1.1).
Gewichtungsmethode: Bei der Fast-Entry-Aufnahme werden ausschließlich die im IPO angebotenen Aktien zur investable market capitalisation gerechnet. Es gibt keinen Multiplikator und keine künstliche Aufblähung der Gewichtung. Der Free Float wird beim nächsten regulären Review neu bewertet.
Damit ergibt sich folgender Vergleich:
| Regelung | Nasdaq 100 (neu, seit 1. Mai 2026) | FTSE All-World (aktuell) |
|---|---|---|
| Wartezeit nach IPO | 15 Handelstage | 5 Handelstage |
| Mindest-Free-Float | abgeschafft | 5 % (Ausnahme: sehr große Werte) |
| Gewichtung bei kleinem Free Float | Faktor 3 auf Free Float | nach echtem Free Float |
| Was zählt für die Erstgewichtung | volle Marktkap. × Faktor | nur die im IPO angebotenen Aktien |
Was bedeutet das im Vergleich? Beim ersten Punkt ist FTSE schneller, das ist für sich genommen weder besser noch schlechter, sondern einfach ein anderes Tempo. Bei den beiden entscheidenden Punkten (Mindest-Free-Float und Gewichtungsmethode) ist FTSE deutlich konservativer als die Nasdaq. Die 5%-Hürde existiert weiterhin, und die umstrittene Faktor-3-Aufblähung gibt es im FTSE-Regelwerk schlicht nicht. Damit fällt schon der erste Teil meines Schreckensszenarios weg: SpaceX wird in meinem ETF gar nicht erst künstlich hochgewichtet.
Was sich noch ändern könnte
Ganz entspannt zurücklehnen darf ich aber auch nicht. FTSE Russell hat im Februar 2026 eine Marktkonsultation gestartet, in der unter anderem eine Lockerung der 5%-Free-Float-Regel für große IPOs diskutiert wird (FTSE Russell Konsultationspapier). Das Konsultationspapier nennt SpaceX, OpenAI und Anthropic explizit als Anlass.
Wichtig: Diese Konsultation bezieht sich primär auf die Russell U.S. Equity Indexes (Russell 1000, Russell 2000 etc.) und nicht direkt auf die FTSE Global Equity Index Series, in der mein ETF liegt. Ob FTSE die Regeln auch für die globalen Indizes anpasst, bleibt abzuwarten. Eine Faktor-3-Gewichtung wie bei der Nasdaq ist nach allen verfügbaren Informationen jedenfalls nicht im Gespräch.
Was das konkret für mein Depot bedeutet
Stellen wir das mal ins Verhältnis. Laut dem offiziellen Vanguard-Datenblatt enthält der Fonds rund 3.700 Aktien aus 49 Ländern. Die zehn größten Positionen sehen per 30. April 2026 so aus (Vanguard):
Apple (AAPL) liegt also nicht bei 5 %, sondern bei knapp unter 4 %. Selbst NVIDIA (NVDA) als größte Position kommt nicht über 5 % hinaus. Das ist schon der ganze Spitzenbereich eines Welt-ETFs: lauter Positionen im niedrigen einstelligen Prozentbereich.
Wenn SpaceX bei einer Bewertung von 2 Billionen USD und einem Free Float von 5 % in den FTSE All-World aufgenommen wird, käme die Aktie auf eine investable market capitalisation von rund 100 Milliarden USD. Gemessen an der Gesamtgröße des FTSE-Universums entspricht das einer Gewichtung von rund 0,1 bis 0,15 % in meinem ETF. Wie winzig das im Vergleich zu den Schwergewichten ist, zeigt der direkte Größenvergleich:
Damit löst sich auch der zweite Teil meines Schreckensszenarios in Luft auf. Selbst ein hypothetischer Kurssturz von 50 % nach dem Auslaufen der Lock-ups würde meinen ETF bei einem Gewicht von 0,13 % um gerade einmal rund 0,07 % bewegen. Das ist im täglichen Marktrauschen nicht von Null zu unterscheiden. Ein SpaceX-Absturz reißt meinen Welt-ETF schlicht nicht mit nach unten. Selbst bei deutlichem Kursanstieg und steigendem Free Float in den kommenden Jahren bleibt SpaceX eine vergleichsweise kleine Position. Apple-Größenordnungen sind weit entfernt.
Zum Vergleich: Ein QQQ-Anleger, der den Nasdaq 100 nachbildet, könnte SpaceX dank der Faktor-3-Regel kurzfristig mit einem zweistelligen Milliardengewicht in seinem ETF sehen. Dort wäre genau die Verlustkette möglich, vor der ich Angst hatte. Das ist eine ganz andere Hausnummer.
Was bleibt als Erkenntnis
Die Aufregung um die Nasdaq-Regeländerung halte ich grundsätzlich für berechtigt. Ein Index, der nach Marktkapitalisierung gewichten soll, aber gleichzeitig den Free Float künstlich auf das Dreifache aufbläht, verlässt den Boden seiner eigentlichen Aufgabe, nämlich eine neutrale Marktabbildung zu liefern. Die Kritik, dass passive Anleger so zu erzwungenen Käufern eines Unternehmens werden, das den eigentlichen Aufnahmekriterien nicht entspricht, ist nachvollziehbar.
Für meinen FTSE All-World ETF gilt diese Kritik aber in deutlich abgeschwächter Form. Die FTSE-Regeln sind insgesamt konservativer:
- Die 5%-Free-Float-Hürde existiert weiterhin (Stand jetzt).
- Es gibt keinen Faktor-3-Multiplikator.
- Selbst nach Aufnahme bliebe SpaceX wegen der riesigen Indexbreite eine sehr kleine Position, deren Absturz mein Depot kaum bewegt.
Wer sich grundsätzlich Sorgen um die Konzentration weniger US-Tech-Riesen in marktkapitalisierungsgewichteten Welt-ETFs macht, der hat ein legitimes Anliegen. Aber das Thema kommt nicht von SpaceX, sondern von Nvidia, Apple und Microsoft. Wer das ändern will, müsste über alternative Gewichtungsansätze (Gleichgewichtung, fundamentale Gewichtung) oder ergänzende Small-Cap- und Value-ETFs nachdenken.
Ich für meinen Teil bleibe entspannt. Mein Sparplan läuft weiter. Aber ich werde im Juni 2026 mit Interesse beobachten, ob FTSE bei der Konsultation einknickt, und im Vanguard-Factsheet nachschauen, wann SpaceX zum ersten Mal in der Holdings-Liste auftaucht.
Quellen
- Vanguard FTSE All-World UCITS ETF (USD) Distributing, offizielle Produktseite, de.vanguard
- FTSE Global Equity Index Series, Ground Rules v14.0, Januar 2026, FTSE Russell PDF
- FTSE Russell Market Consultation: Fast-Entry for Sizeable IPOs, Februar 2026, lseg.com PDF
- Nasdaq Global Indexes, 2026 May NDX Changes FAQ, indexes.nasdaqomx.com PDF
- "SpaceX to IPO on Nasdaq after index rules adjusted", etfstream.com (für die Angabe zum Anlagevolumen passiver Nasdaq-100-ETFs), etfstream.com
- "SpaceX IPO: What retail investors need to know before buying shares", CNBC, 21. Mai 2026 (Free-Float-Angabe rund 5 % auf Basis der S-1-Einreichung), cnbc.com
